Jahrtausende im Schnitt: Die Bügelschere von Bönnien
Im Zentrum der Zeichnung „geschoren“ steht ein faszinierendes Fundstück der Vergangenheit: Eine eiserne Bügelschere aus der Zeit der Wende vom 1. Jahrhundert v. Chr. zum 1. Jahrhundert n. Chr.
Das rund 2.000 Jahre alte Objekt wurde im Jahr 2020 von unserem Team der archäologischen Grabungsfirma Streichardt & Wedekind bei Ausgrabungen in Bönnien (Landkreis Hildesheim) entdeckt. Geborgen wurde es in den Überresten eines sogenannten Grubenhauses, eines leicht in das Erdreich eingetieften Bauwerks. Solche Bauten nutzten die natürliche Dämmung der Erde und dienten der Bevölkerung als geschützte Arbeitsstätten. Auch wenn die Schere damals vermutlich als spätere Verfüllung in die Grube gelangte, erzählt sie eindrucksvoll vom handwerklichen Alltag vor zwei Jahrtausenden.
Funktionell unterscheidet sie sich deutlich von heutigen Scheren: Ein gebogener Metallbügel verbindet zwei messerartige Schneiden, die beim Zusammendrücken dicht aneinander vorbeigleiten, ein simples, aber genial konstruiertes Prinzip. Scheren dieser Art waren echte Multitalente des antiken Alltags: Sie meisterten die mühsame Schafschur, trennten feine Stoffe in der Tuchverarbeitung und kamen sogar in der Geburtshilfe beim Durchtrennen der Nabelschnur zum Einsatz.
In der Zeichnung „geschoren“ erwacht dieses uralte Werkzeug zu neuem Leben: Wie von Geisterhand durchtrennt die Schere einen stoffartigen, landschaftsähnlichen Hintergrund und schneidet sich so visuell Schritt für Schritt zurück in ihre eigene Geschichte.
Unsere Archäologen stellten das Originalfundstück dem Künstler Flavio Apel zur Verfügung, der das Werk im Jahr 2023 zeichnerisch verewigte.